Studie "Sicherheit und Kriminalität in Deutschland" konkretisiert Anforderungen an Akteure der Inneren Sicherheit

Northern Business School - University of Applied Sciences

Kürzlich hat Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) die Studie des Bundeskriminalamts (BKA) "Sicherheit und Kriminalität in Deutschland (SKiD 2020)", veröffentlicht. Im Rahmen der Studie wurden mehr als 46.000 Menschen über ihre Erfahrungen mit Kriminalität befragt. Die Presseabteilung der NBS Northern Business School interviewte hierzu Prof. Dr. André Schulz LL.M. M.A., Professur Kriminalwissenschaften.

Herr Prof. Dr. Schulz, man kennt die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS), die jährlich von den Inneminsterinnen und -ministern und -senatorinnen und -senatoren der Länder und im Bund veröffentlicht wird und Aussagen über die Kriminalitätslage trifft. Wozu dann jetzt die Studie "SKiD 2020"?

Die Aussagekraft der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) ist recht begrenzt. Mit ihr wird lediglich das sogenannte Hellfeld erfasst, also jene Straftaten, die entweder bei der Polizei angezeigt wurden oder der Polizei durch eigene Ermittlungen bekannt geworden sind. Darüber hinaus gibt es das sogenannte Dunkelfeld, das sind die Straftaten, die der Polizei nicht bekannt geworden sind. Um dieses Dunkelfeld aufzuhellen, bedarf es der Dunkelfeldforschung. Allein mit der PKS lassen sich also nur sehr eingeschränkt Aussagen zur echten Kriminalitätslage und der Entwicklung von Kriminalität vornehmen. Die Zahlen der PKS müssen immer im Kontext bewertet werden und bieten viel Raum für Interpretationen. Die Studie „SKiD 2020“ als bisher größte in Deutschland durchgeführte Dunkelfeldbefragung ergänzt also die Daten der PKS und hilft dabei, Entscheidungen hinsichtlich einer rationalen Kriminalpolitik und einer wirksame Kriminalprävention treffen zu können.

Eine der Hauptaussagen der Studie "SKiD 2020" ist, dass die Menschen in Deutschland sich insgesamt sicher fühlen, gerade in der eigenen Wohnung und im näheren Wohnumfeld. Eine beruhigende Erkenntnis?

Die wahrgenommene Bedrohungslage durch Kriminalität, also das individuelle Sicherheitsgefühl, weicht meist von der tatsächlichen Bedrohungslage ab, in der Regel sogar deutlich. Viele Menschen lassen sich dabei durch Medien und die dort in all ihren Facetten exponiert und oft reißerisch dargestellten Kriminalitätsfälle beeinflussen und schätzen ihre Bedrohungslage komplett falsch ein. Deutschland ist insgesamt, das bestätigt die Studie "SKiD 2020" auch erneut, ein sehr sicheres Land. Kriminalität wandelt sich und so erleben wir, dass strafbare Handlungen mehr und mehr im digitalen Raum stattfinden. Die durch die Studie dargestellte Befürchtung der Befragten, durch ein Cybercrimedelikt Opfer zu werden, ist durchaus berechtigt. Ganz anders sieht die Einschätzung bei Gewalt- und Sexualdelikten aus. Statistisch gesehen ist die Gefahr, Opfer so einer Straftat zu werden, in den eigenen vier Wänden am höchsten, weil die Täter sehr oft aus dem Bekannten- bzw. Verwandtschaftskreis kommen.

Was sind für Sie die wesentlichen Erkenntnisse der Studie?

Einige Ergebnisse sind nicht neu und bestätigen die bisherigen Erkenntnisse, so zum Beispiel hinsichtlich des Anzeigeverhaltens. Dass Wohnungseinbrüche und Kfz-Diebstähle zum überwiegenden Teil angezeigt werden, liegt hauptsächlich darin begründet, dass man in der Regel hiergegen versichert ist und das polizeiliche Aktenzeichen für die Versicherung benötigt. Entsprechend gering ist hier das Dunkelfeld. Durch die Studie wurde nun nochmals bestätigt, dass aber bei anderen Delikten nur ein sehr geringer Teil der Straftaten angezeigt werden. So wurden im Bereich der Cybercrimedelikte nur 18 Prozent der Taten angezeigt und bei Sexualstraftaten sogar nur ein Prozent. Während bei Cybercrimedelikten oft die geringe Schadenshöhe Grund für die Nichtanzeige ist, liegt die Nichtanzeige bei Sexualdelikten häufig darin begründet, dass es keine objektiven Beweise für die Tat gibt, oftmals eine Vorbeziehung zwischen Täter und Opfer bestand und dass die Opfer fürchten, dass sie durch die Anzeige und das Strafverfahren nochmals viktimisiert werden. Die Erkenntnis, dass Frauen nachts in der Öffentlichkeit mehr Angst als Männer haben und 46 Prozent der Bevölkerung sich nachts in öffentlichen Verkehrsmitteln fürchten, ist natürlich grundsätzlich nicht gerade überraschend, macht aber das Sicherheitsempfinden bzw. die Kriminalitätsfurcht der Menschen deutlich und hier gilt es anzusetzen. Öffentliche Räume nicht mehr aufzusuchen und die Nutzung des ÖPNV einzuschränken, kann als Reaktion auf Angst vor Kriminalität niemanden zufriedenstellen. Auch die Erkenntnis, dass 27 Prozent der Bevölkerung, aus Angst Opfer einer Straftat zu werden, das Internet zur Geschäftsabwicklung meiden, ist inakzeptabel und deutlich wirtschaftshemmend.

Wenn man diese Zahlen liest, stellt sich die Frage, ob die Polizei hier genug zum Schutz der Bevölkerung unternimmt?

Hier gibt es mehrere Aspekte zu berücksichtigen: Der feststellbar nur begrenzt vorhandenen Digital- bzw. Medienkompetenz in der Bevölkerung, die den Tätern ihre Arbeit erst ermöglicht, muss gesamtgesellschaftlich entgegengetreten werden. Ein Lösungsansatz ist hierbei die Vermittlung von Grund- und weitergehenden Kenntnissen an den Schulen. Bei der Verfolgung der Straftaten sind die Ressourcen der Polizei bekanntermaßen begrenzt. In den genannten Phänomenbereichen ist die Polizei aber nur einer der Garanten der Sicherheit, hier sind auch Wirtschaft und private Sicherheit im besonderen Maße gefordert. IT-Systeme und -Anwendungen müssen grundsätzlich möglichst manipulationssicher gestaltet werden, Stichwort "Security by Design". Das gilt für den privaten wie gerade auch für den geschäftlichen Bereich. Angsträume müssen beseitigt werden, damit das Sicherheitsgefühl steigen kann. Hierzu bedarf es städtebaulicher und technischer Maßnahmen. Gerade im ÖPNV reicht aber beispielweise die Videoüberwachung allein nicht aus. Man muss sich sicher sein können, dass jederzeit umgehend auch Hilfe naht, wenn man diese benötigt. Diese gesellschaftliche Aufgabe kann die Polizei allein nicht bewältigen, hier bedarf es einer größeren Anzahl qualifizierter Fachkräfte mit Expertise im Bereich des Sicherheits- und Risikomanagements.

Sie haben sich eingehend mit der Studie "SKiD 2020" befasst, wie lautet ihr Fazit?

Die Studie liefert wichtige Anhaltspunkte dafür, wie die Kriminalitätsbekämpfung, aber auch die Prävention und die Opferhilfe in Bund und Ländern künftig zielgerichteter ausgerichtet werden sollten. Die Befragungen für die Studie SKiD, die ab 2024 alle zwei Jahre erfolgen und noch weiter ausgedehnt werden sollen, ersetzen aber nicht die Periodischen Sicherheitsberichte (PSB). Der PSB, erarbeitet von einem hochkarätigen wissenschaftlichen Gremium, lieferte 2001 erstmalig eine umfassende Darstellung über Entwicklung, Strukturen und Ursachen des Kriminalitätsgeschehens in Deutschland. Die Aussagekraft des zweiten (2006) und des dritten PSB (2021) war dann aus verschiedenen Gründen schon etwas eingeschränkter. PKS, PSB und SKiD stehen aber grundsätzlich nicht in Konkurrenz, sondern ergänzen sich. Für die politischen Entscheidungsträger in Bund und den Ländern empfiehlt es sich, die Studie SKiD auch in den nächsten Jahren zu unterstützen und zu fördern. Nach der Veröffentlichung des SKiD 2020 soll nun zeitnah die Präsentation der Ergebnisse aus den einzelnen Bundesländern erfolgen. In Hamburg und Nordrhein-Westfalen wurden ergänzend zu der bundesweiten Standardbefragung weitere landesspezifische Fragen implementiert, was insgesamt detaillierter Aussagen über die Kriminalitätslage in Deutschland zulässt. Man darf also gespannt sein.

Die NBS Northern Business School – University of Applied Sciences ist eine staatlich anerkannte Hochschule, die Vollzeit-Studiengänge sowie berufs- und ausbildungs-begleitende Studiengänge in Hamburg anbietet. Zum derzeitigen Studienangebot gehören die Studiengänge Betriebswirtschaft (B.A.), Sicherheitsmanagement (B.A.), Soziale Arbeit (B.A.), Real Estate Management (M.Sc.) und Controlling & Finance (M.Sc.)

Ihr Ansprechpartner für die Pressearbeit an der NBS Hochschule ist Frau Kathrin Markus (markus@nbs.de). Sie finden den Pressedienst der NBS mit allen Fachthemen, die unsere Wissenschaftler abdecken, unter www.nbs.de/die-nbs/presse/pressedienst.

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