Alle Jahre wieder: Weihnachtsfeiern in Organisationen – Soziologischer Blick auf eine etwas ambivalente Zusammenkunft

Northern Business School - University of Applied Sciences

Für manche ist sie ein Highlight im Jahr, andere könnten glatt drauf verzichten: die Weihnachtsfeier. Überall findet sie statt – ob in Büro und Betrieb, auf der Uni oder beim Verein. Welche sozialen Strukturen sind auf einer Weihnachtsfeier anzutreffen, wie hält man es auf ihr aus? Professor Dr. Marcel Schütz beschäftigt sich mit der Soziologie des Weihnachtsfests. Hier verrät er Details und Tipps.

Der Corona-Pandemie fiel auch sie zum Opfer: die Weihnachtsfeier. In den nächsten Wochen wird wieder gefeiert. Für manche eine leidige Pflichtübung, für andere etwas Besonderes – noch einmal im alten Jahr zusammenkommen, zwischen Freude, Besinnung und manchmal ein wenig Melancholie zurückblicken.

Der Organisations- und Gesellschaftsforscher Marcel Schütz beschäftigt sich mit sozialen Facetten des Weihnachtsfests.

"Mit Weihnachtsfeiern ist es wie mit der Weinqualität auf eben diesen: Hervorragend, ganz passabel oder eine halbe Katastrophe". Der Professor für Organisation lehrt an der Northern Business School in Hamburg und untersucht Weihnachten in seiner gesellschaftlichen Ausprägung. „Idealerweise wird aus der Weihnachtsfeier das, was man landläufig einen ,bunten Abend‘ nennt. Und da fängt die Herausforderung an", sagt Schütz. „Es soll alle ein bisschen ansprechen – keine leichte Aufgabe."

Zwischen Geschäft und Geselligkeit

Erwartbar ist der organisatorische Rahmen relevant. Wie vertraut sind die Gäste einander? Ist es ein Treffen im Sportverein, ein Empfang der Kirchengemeinde, oder kommt man im Betrieb, Forschungsinstitut oder Amt zusammen? Wie groß sind die Gruppen und wie viel Platz steht zur Verfügung? "Findet die Weihnachtsfeier im Kontext der Arbeit statt, bewegt man sich hier zwischen Geschäft und Geselligkeit. Das sind unterschiedliche Dinge. Wie privat es da werden darf, das weiß man halt nie so genau und es ergibt sich oft erst nach Situation und Sympathie", sagt Schütz. Die Weihnachtsfeier schafft insofern gewisse Zwänge und Unsicherheiten bei der Selbstdarstellung. Man will sich locker und zugänglich geben, zugleich auch nicht aus der Reihe tanzen.

Natürlich müssen alle bedenken, dass man sich nach einem feuchtfröhlichen Abend wieder offiziell begegnen wird. Auf einer Weihnachtsfeier geben alle unwillentlich mehr als sonst von sich preis. Da gilt es aufzupassen, dass man hinterher nichts bereut. Schnell kommt es zu pikanten Missverständnissen. Berüchtigt sind Anmachen und Flirts. Nicht immer geht die Rechnung aber so auf, wie die eine oder der andere die Gunst der Stunde eingeschätzt haben mag.

Eine Weihnachtsfeier sollte nicht von vorn bis hinten durchgetaktet werden. Auf Gäste warten häufig Spiele, Fototouren oder Reden. "Gegen ein paar Momente, bei denen es offizieller wird, spricht nichts. Aber man möchte kein untergeschobenes Business-Meeting. Zunächst mag man annehmen, dass sich die Leute auf einer Feier leichter ,bequatschen‘ lassen. Aber Überrumpelungen durch die Hintertür können ziemlich in die Hose gehen. Wichtige und heikle Angelegenheiten lassen sich zwischen Sektglas, Kroketten und Dessert nicht behandeln", gibt der Organisationsexperte zu bedenken.

Der Chef darf später kommen und früher gehen

Gelegentlich gibt es ein Gastgeberproblem – "Wer führt eigentlich durch den Abend, wer geht mal durch die Tische, bringt alte und neue Gesichter zusammen, stimuliert auf eine möglichst nicht penetrante Weise die Geselligkeit?" Die Kunst ist es, sich weder unachtsam noch aufdringlich zu verhalten. Eine unangenehme Szene passiert schneller als man denkt. Gerade weil die durchschnittliche Weihnachtsfeier einen etwas ,intimeren‘ Umgang erzeugt. Hochkalorisches und Hochprozentiges tragen unvermeidbar zu einer spür- und sichtbaren Gemütlichkeit bei. Leichte Trübungen der Selbst- und Fremdwahrnehmung nicht ausgeschlossen.

Und welche Rolle spielt der Chef? Professor Schütz meint: bestenfalls keine alles überragende. "Als Chef darf man auch mal ein paar Minuten später kommen, aber auf jeden Fall darf man gerne früher gehen. Das hat was Herrschaftliches, aber es geht darum, nicht den ganzen Abend zu dominieren. Man möchte ja ungestörte Interaktionen. Die Weihnachtsfeier dient der kollegialen Kohäsion, dem sozialen System der Organisation. Anders als oft im Jahr ist sie gerade nicht die Bühne der Führungskräfte." Chefs können sich ruhig ,unters Volk‘ mischen; nur nicht einseitig, denn es wird registriert, wo sie sitzen und stehen.

Bei Weihnachtsfeiern kommt es immer wieder zu unerwarteten Emotionen. "Es passiert das, was man schlagartig in Familien an Heiligabend kennt: Vermeintlich belangloses kocht auf einmal über", weiß Schütz. Über das Jahr staut sich viel an. Konflikte, auch am Arbeitsplatz, bleiben unbearbeitet, man möchte manchen Leuten vielleicht gar nicht begegnen. Dann sind da die vielen Erwartungen, was man alles noch geschafft haben muss, bevor Weihnachten kommt. Schnell wird zu tief ins Glas geschaut.

Gleich und gleich gesellt sich gern

Vorteilhaft ist es, wenn man Leute hat, die Randständige und stillere Typen integrieren können. Die guten Seelen und grauen Eminenzen des Hauses sind dafür wie geschaffen, meint Schütz. "Außerdem gilt: gleich und gleich gesellt sich gern. Die Leute halten sich gern an Kolleginnen und Kollegen auf vergleichbarer Karrierestufe. Innerhalb einer größeren Firma gibt es verschiedene Arbeitskulturen, Netzwerke und Bereichsdenken." In den vertrauten Runden kleiner Betriebe, wo jeder auf Du ist und deren Weihnachtsfeier eher als Restaurantbesuch stattfindet, stellt sich das Problem so nicht.

Eine Weihnachtsfeier motiviert die Anwesenden zu vielen wechselseitigen Beobachtungen. Wer steht bei wem, wo kann man sich dazugesellen, wie verhalte ich mich am Buffet? "Es gibt aber einen gewissen Hang zu Oberflächlichkeit, um nichts falsch zu machen. Der gute alte Small Talk hilft bei der Überbrückung mancher Längen. Man weiß vielleicht gar nicht, worüber man die ganze Zeit reden soll. Kollegiale Kommunikationserwartungen können ganz schön stressen", so der Professor für Organisation.

Muss die Weihnachtsfeier eigentlich am Abend sein? Schütz: "Dramaturgisch gesehen ist das die typische Variante. Sie ist historisch der Bescherung am Heiligen Abend nachgeahmt – der Lichterglanz, das gute Essen, die häufig elegantere Aufmachung. Aber man kann auch am Samstag frühstücken gehen." Idealerweise sollte man sich im Anschluss keine Termine vornehmen. "Kurz vor dem Wochenende oder am Wochenende ist der beste Zeitpunkt. Wenn es länger dauert und flüssig endet, hat keiner was dagegen, wenn man den nächsten Tag länger liegen bleiben darf."

Auch Weihnachtslieder gehen – maßvoll

Wenn möglich, sollte der Raum nicht zu klein und nicht zu groß ausfallen. Bei übersichtlichen Runden geht es oft ins Lokal. Bei größeren bietet sich, Mittel und Spendierlaune vorausgesetzt, eine Kombination aus Buffet, Essens- und Stehtischen an. So haben die Gäste die Möglichkeit, sich zu verteilen, auch mal ein Gespräch am Rande zu führen. Und musikalisch? Statt einfach zufällig das Radio anzuschalten, sollte man lieber dem Anlass angemessenes auflegen. Naturgemäß gehen die Geschmäcker und Altersklassen weit auseinander. Vielleicht ruhigerer Pop, etwas Lounge oder Klassik. Wenn gewünscht, auch ein paar Weihnachtslieder, eher maßvoll, nach Meinung vieler bloß nicht zu kitschig. Wie so oft, im Zweifel macht’s die Mischung. Und ein kleines Orga-Team wird sicher nicht schaden.

Auf der idealen Feier hat man für Ton und Technik jemanden zur Hand. "Früher gab es Tafelmusik. Und die fiel sehr klassisch aus. Unsere Idee von Weihnachten entstammt ja der aristokratischen und später bürgerlichen Festkultur des 18. bis 20. Jahrhunderts. Heute ist alles diverser", erinnert Soziologe Schütz. "Auch wurde gemeinsam musiziert und vorgelesen – so wie berühmt verarbeitet in Friedrich Schleiermachers Erzählung ,Die Weihnachtsfeier‘. Die christliche Religion war natürlich präsenter."

Bliebe noch das liebe Geld. Wer bezahlt den ganzen Spaß? Schütz: "Das hängt davon ab, wie generös es zugeht. Von Eigenanteil bis ,alles aufs Haus‘ trifft man da jede Konstellation an". Die meisten Gäste dürften es aber schätzen, wenn sich der Abend von einem klassischen Restaurantbesuch unterscheidet. Faustregel ist: Chef oder Arbeitgeber zahlen drauf.

Nicht immer in passender Stimmung

Aber hat man auf eine Weihnachtsfeier überhaupt Lust? Einige meiden sie grundsätzlich – zu persönlich, zu bunt, zu aufgesetzt. Andere sind nicht in der Stimmung. "Es ergibt sich, dass nicht alle die passende Laune haben. Das Jahresende ist für gar nicht so wenige eine schwermütige Zeit. Wenn ich merke, dass ich keinen guten Tag habe, meine Ruhe brauche: Vielleicht sich kurz zeigen und früher gehen. Man muss sich nicht unnötig durch den Abend quälen."

Aber idealerweise verlebt man ein paar Stunden, an die man noch länger zurückdenkt – und sei es deswegen, weil dann noch etwas völlig Unerwartetes oder Komisches passiert ist. Womit keiner gerechnet hat. Sind das nicht die schönsten Erinnerungen? In diesem Sinne: frohe Feier!

Prof. Dr. Marcel Schütz hat die Stiftungs- und Forschungsprofessur für Organisation und Management an der Northern Business School in Hamburg inne. Seine Arbeitsschwerpunkte bilden die soziologische Organisations- und Gesellschaftsforschung. E-Mail: schuetz@nbs.de.

Die NBS Northern Business School – University of Applied Sciences ist eine staatlich anerkannte Hochschule, die Vollzeit-Studiengänge sowie berufs- und ausbildungs-begleitende Studiengänge in Hamburg anbietet. Zum derzeitigen Studienangebot gehören die Studiengänge Betriebswirtschaft (B.A.), Sicherheitsmanagement (B.A.), Soziale Arbeit (B.A.), Real Estate Management (M.Sc.) und Controlling & Finance (M.Sc.)

Ihr Ansprechpartner für die Pressearbeit an der NBS Hochschule ist Frau Kathrin Markus (markus@nbs.de). Sie finden den Pressedienst der NBS mit allen Fachthemen, die unsere Wissenschaftler abdecken, unter www.nbs.de/die-nbs/presse/pressedienst.

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